NABO GASS
Feuer und Flamme für die Kunst

Nabo Gass – Glaskünstler, der Licht und Farbe zu architektonischen Statements formt. Bild: ©Lisa Violetta Gass

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Feuer steigt auf im Hofe des Uferateliers in Wiesbaden. Der Geruch von Metall liegt in der Luft. Nabo Gass brüniert Stahlseile, um sie später zu kunstvollen Körben zu flechten – Bauteile seiner neuen Glasskulpturen der Serie „Befreiung“. Zeitweise steht der Künstler regelrecht in Flammen — ruhig, konzentriert, fast andächtig. Diese Nähe zu den Elementen – Feuer, Glas und Metall – prägt seine Arbeit wie kaum etwas anderes.

Schon früh entwickelte Nabo Gass ein tiefes Interesse für die experimentelle Arbeit mit Glas. Dieses Material ist für ihn weit mehr als nur Träger von Farbe oder Motiv – es ist Lichtkörper, Raumstruktur und Kommunikationsmedium zugleich. Er erforscht die Wechselwirkung von Transparenz, Reflexion und Struktur und nutzt diese Eigenschaften, um Bewegung, Tiefe und Energie sichtbar zu machen. Dabei bewegt er sich in seiner Arbeit zwischen den Medien Malerei, Skulptur und Architektur.

Zahlreiche Ausstellungen und die Präsenz auf den Kunstmessen in Karlsruhe, Den Haag und Seoul brachten ihm mit seinen Glasbildern internationale Anerkennung und Auszeichnungen u.a. vom Corning Museum New York. Dabei sind sie weit mehr als dekorative Objekte: Sie sind atmosphärische Lichtkörper. Freistehend im Raum entfalten sie eine fast meditative Präsenz, während sie in Fenstern oder Wandöffnungen installiert – oder über feine Stahlseile frei vor dem Fenster schwebend – ihre Umgebung in die Kunst einbeziehen. So entstehen Kunstwerke, die je nach Tageszeit und Lichteinfall ihr Gesicht verändern.

Inhaltlich verbindet Nabo gerne gesellschaftlich relevante Themen mit poetischer Abstraktion. Dabei richtet er seinen Blick auf Transparenz und Ambivalenz sowie das Verhältnis von Mensch, Raum und Umwelt. Immer wieder tauchen Vögel oder Figuren auf, oder einfach abstrakte Gebilde, die er unter dem Titel „Emotional
Landscapes“ zusammenfasst. Durch Schichten, Strukturen und Farbakzente entstehen Bildräume, die sich je nach Lichteinfall verändern und damit das Momenthafte, Wandelbare des Sehens selbst thematisieren. So können Betrachter immer auch ihre eigenen Geschichten in den Bildern wiederfinden.

Neben den Malereien gibt es auch zwei wichtige Skulpturen-Serien in seinem Oeuvre, die er über mehrere Jahrzehnte immer wieder aufgreift. Zum einen die eingangs erwähnte Serie „Befreiung“. Hier wird flüssiges Glas in einen Stahlkorb eingeblasen, so dass sich das Glas seinen Weg bahnt, um sich aus der Umarmung des Stahls zu befreien. Und dann gibt es noch seinen Serie SHORT MOMENTS. Dabei handelt es sich um Glasobjekte, die im Fusingofen des Künstlers entstehen. Mit Glasmehl bemalte Scheiben werden bei großer Hitze im Ofen gefaltet. Dabei ist höchste Konzentration gefordert, denn nur wenige Sekunden entscheiden über das Gelingen der Skulptur. Der Gedanke dahinter ist es, einem flüchtigen Moment eine Gestalt zu geben. Zum Hintergrund: In einer Sekunde kann Schönheit entstehen aber auch sehr viel Zerstörung angerichtet werden. So sagte Nabo kürzlich: Letztlich ist es die Schönheit, die uns Menschen Kraft gibt und deshalb gilt es, die Schönheit zu bewahren. Mit den Short Moments versuche ich, die Schönheit des Moments einzufangen“. Die Skulpturen können als Gegenpol zu unserer reizüberfluteten Welt gelesen werden.

Geboren 1954 in Ebingen, trägt Nabo das schwäbische Tüftler-Gen in sich. Im Laufe seiner Karriere hat er verschiedene eigene Techniken entwickelt und patentiert, wodurch er sich ein unverwechselbares Alleinstellungsmerkmal geschaffen hat. 1989 erfand er das „fototechnische Sandstrahlen“, 1994 eine Methode der Glasmalerei mit gemahlenem Farbglas und im Jahr 2000 seine sogenannte „Splittertechnik“ zur Gestaltung von Glasfassaden. So hat er für den Campus der Ernsting’s family ein gläsernes Hochregallager mit gefalteter Solarmembran entworfen. Dafür wurde er mit dem Innovationspreis der glasstec Düsseldorf ausgezeichnet. Diese Verbindung von künstlerischer Idee, technischer Innovation und nachhaltigem Denken ist charakteristisch für sein Werk. Besonders bei den „Kunst am Bau Projekten“ erkennt man, wie er Kunst und Funktion miteinander verschmelzen lässt.
Für seine Arbeiten erhielt Nabo Gass zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Innovationspreis der glasstec Düsseldorf (2000), den Architekturpreis der pbb Stiftung Deutsche Pfandbriefbank (2012) und eine Auszeichnung des BDA Münsterland (2014). Seine Werke sind in zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten, unter anderem im Deutschen Museum für Glasmalerei Linnich, im Städtischen Theater Rüsselsheim, in der Stadthalle Schorndorf und im Glasmuseum der Ernsting-Stiftung Coesfeld.

Nabo Gass
Rheingaustraße 85b | 65203 Wiesbaden
www.nabo.de | studio@nabo.de


Interview mit Glaskünstler Nabo Gass

Welche persönliche Erfahrung hat Sie dazu bewegt, Glas als Ihr Hauptmedium zu wählen?
Es stimmt schon, dass neben all den anderen Aufgaben denen ich mich im Laufe meines Lebens stellen durfte, die Arbeit mit Glas einen wichtigen Schwerpunkt bildet. Dabei war es nur der Versuch, dem Willen meines Vaters auszuweichen, endlich einen Beruf zu erlernen, indem ich ihm gegenüber einen Berufswunsch äußerte, von dem ich annehmen durfte, dass er keinen Lehrherren finden würde. Weit gefehlt, der war schnell gefunden und ich ein Glasmahler- und Kunstglaser-Lehrling. Eine folgenschwere Äußerung, immerhin der Anfang eines aufregenden, spannenden, schönen und unglaublich reichen Lebens!

Wie verändert sich Ihr künstlerischer Prozess, wenn Sie eine freie Arbeit schaffen im Vergleich zu einer architekturbezogenen Installation?
Wenn man in der privilegierten Situation ist, sich der Arbeit mit freiem Willen nähern zu dürfen, dann ist der Unterschied zwischen einer architekturgebundenen und einer freien Arbeit nicht wirklich groß.
Letztlich ist es nur eine Frage des Formates, auf dem der Inhalt die künstlerische Umsetzung stattfindet, egal, ob unter meinen Händen ein freies Bild entsteht oder ob ich eine große Fensterfläche gestalte oder gar auf dem Monitor eine riesige Architektur geplant wird.

 

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in Ihren Projekten – insbesondere in den Fassaden mit integrierter Photovoltaik?
Können wir heute noch verantwortungsvoll handeln, ohne den Gedanken der Nachhaltigkeit mit einzubeziehen?
Es gehört zu den entscheidendsten Erkenntnissen der Menschheit, dass unsere Ressourcen endlich, unsere Verantwortung gegenüber Mensch und Umwelt an vorderster Stelle zu stehen hat. Eine meiner wichtigsten “Erfindungen” das freie Malen mit Glas, entsprang dem Wunsch, die zerstörerische Wirkung von Flusssäure auf Mensch, Natur und Umwelt durch einen nachhaltigen Arbeitsprozess zu ersetzen. Der Versuch hier Haltung zu zeigen, hat meine Palette unglaublich bereichert!

Wie empfinden Sie das Verhältnis von ästhetischem Ausdruck und funktionalem Nutzen in Ihren Glasfassaden?
Kunst muss nicht funktional sein. Aber wenn Schönheit auch funktionale Aspekte bedient, kann das nicht falsch sein. Umgekehrt, wenn funktionale Architektur die Gesetze der Ästhetik widerspiegelt, wenn eine Fabrik zur Augenweide wird, denke ich, ist der kreative Gedanke relevant.

Gibt es ein Werk, das für Sie persönlich eine besondere Bedeutung hat – und warum gerade dieses?
Die Arbeit, an der ich besonders hänge ist immer die, die ich gerade mache. Ihr gehört meine ganze Aufmerksamkeit, sie ist Herausforderung und Glückspenderin zugleich.